Grüsze.
Nachdem meine zugegebenermaßen etwas abstrakte Initiative zur Frage: Was ist denn dieses komische Ding, das wir Kritik nennen, um uns so von allen anderen gesellschaftspolitischen Projektionen abzugrenzen, fehlgeschlagen ist, was ich zum Teil auf meiner geringfügige Rolle in dieser Bloggosphäre zurückführe, will ich nun einen neuen Anlauf wagen. Diesmal etwas konkreter und polemischer, um vllt doch den ein oder anderen aus der Ringecke zu locken.
Ich behaupte deshalb, dass Adorno als geistiger Vater dessen, was heute in vielen Teilen der radikalen Linken hierzulande als Kritik ausgestellt wird, falsch liegt bzw. zumindest zu verlangen ist, dass mensch sich mit der GANZEN Geschichte dieses Projektes namens Kritik auseinandersetzt, anstelle dessen (neben Foucault) jüngstes Kind einfach und viel zu unkritisch zu affirmieren. Im Detail haben wir es nämlich mindestens mit sechs verschiedenen Begriffen von Kritik zu tun. Wenn man den notwendigen und unerlässlichen Trennstrich zwischen der „Dialektik der Aufklärung“ und der „Negativen Dialektik“ Adornos noch zieht, sogar mit sieben. Ich verkürze, um die Diskussion nicht unnötig zu beschneiden.
(1) Immanuel Kant (theoretisch ideale Kritik)
Zwar wird sich auf Kant gern bezogen, aber Foucaults Lesart (Kritik einfach mit Aufklärung zu identifizieren) zeigt eigentlich erst einen entscheidenden Differenzpunkt. Kritik ist nämlich für Kant nichts anderes, als die kategoriale Trennung eines Diskurses darüber, was wir aktuell beobachten können, von dem, was wir glauben müssen, um eine richtige Beobachtung zu machen. Wir glauben an gewisse Ideale wie Gott, Freiheit, Kommunismus und ordnen danach unsere konkrete Wahrnehmung zum Urteil. Der kategorische Imperativ, nur das zu tun, was alle anderen in der selben Situation auch tun würden, ist nur eine logische Folge dieser all zu abstrakte Formulierung von Kritik. Sie beschränkt sich letztlich darauf, in öffentliche Diskurse zu intervenieren, die entweder reine Begriffe naturalisieren (Hypostase) oder empirische Begriffe idealisieren (Paralogismus). Deshalb die Rede von der Vernunft als ewigem Gerichtshof.
(2) G.W.F. Hegel (historisch ideale oder rein dialektische Kritik)
Hegel erkennt nun, dass es diese Kantischen reinen Begriffe gar nicht geben kann, da diese immer synthetisches Produkt einer bereits vollzogenen Identifizierung von Natur/Beobachtung/Empirie und Begriff sind. Insofern winkt hier keine sichere Basis sondern einfach Dogmatismus. Kritik ist deshalb für Hegel der Denkprozeß, bei welchem mensch einem als gegeben vorgefundenen Begriff qua bestimmter Negation das aufweist, was er gegenwärtig, also in Ansehung bzw. Beobachtung gegenwärtiger Gestalten nicht ist, um dann im zweiten Schritt via Negation der Negation aufzuzeigen, was er momentan wirklich ist. Zugegeben nicht ganz leicht zu verstehen, letztlich führt aber Hegels Kritikkonzept als Ganzes nur dahin, anzuzeigen, wie wir uns mittels der Geistesgeschichte einen richtigen Begriff davon machen können, was gerade aktuell wirklich und darin einzig wahr ist.
(3) Karl Marx (dialektisch materialistische oder praktisch positive Kritik)
Marx wiederum, als fleissiger Hegelschüler, bemerkt sofort, dass die Hegelsche Kritik nicht nur die Begriffe auszeichnet, die sinnvoller Weise, also in Rücksicht auf ihre Geschichte, für eine Beschreibung der Gegenwart gelten können, sondern gleichzeitig einen Rechtfertigungsdiskurs der bestehenden Verhältnisse betreibt. Leider sieht er aber nicht den Hegelschen Anschluß an Kant, sodass er auf dessen wohlmeinende Scheidung von theoretischer und praktischer Vernunft, von an sich sinnvollen und für sich zweckmäßigen Begriffen in seiner Polemik gegen Hegel nicht zurückgreifen kann. Er verläßt deshalb den Boden einer idealistischen Kritik, die sich darum bemühte, eine richtige Beschreibung der Welt via wahren Begriffen zu ermöglichen und kehrt zum Dogmatismus der frühen Materialisten zurück. Für Marx gibt es deshalb einen Widerspruch zwischen bezeichenden Begriffen und dem was sie bezeichnen nur insofern, wie in der Geistesgeschichte und der Verwendung von Begriffen ein Interesse als Zweck eingeschrieben ist. Kritik bedeutet für ihn demzufolge, herauszustellen, inwieweit sich auf Grundlage einer ideologisch verkehrten Geschichtsschreibung ein falscher Begriff von dem gemacht wird, was die gegenwärtigen Verhältnisse (eigentlich) auszeichnet. Redlich, gründlich und ehrlich macht er sich an die Beschreibung der Verhältnisse, wie sie ihm aktuell erscheinen. Er nivelliert dabei den tradierten Sinn der verwendeten Begriffe völlig in Richtung des akuten Zwecks und betreibt damit Theoriepolitik par excellance, vom Klassenstandpunkt aus, also einen echten Gegendiskurs. Kritik ist ihm aus dieser Perspektive auch nur insofern sinnvoll und zweckmäßig, wie sich sich zu adressieren weiß, also im Blickfeld sozialer Kämpfe praktisch bewähren kann. Die Kritik der politischen Ökonomie hat für ihn deshalb einzig Sinn&Zweck darin, der Diktatur des Proletariats zur Macht zu verhelfen, für Marx der einzig vorstellbare Weg aus den Unzulänglichkeiten des Gegebenen hin zu einer humanen und darin freien Assoziation aller Individuen, eine weitestgehende Übernahme des Hegelschen Geschichtsoptimismus halt, den die weitere Entwicklung als Marxismus ja tüchtig desavouiert hat.
(4+5) Adorno (universalistische und dialektisch negative Kritik)
Wie schon bemerkt, bei Adorno sollte man vorsichtig sein, da er sich selbst von der „Dialektik der Aufklärung“ weitestgehend distanziert hat. Nicht so sehr wegen deren Inhalt sondern vielmehr wegen deren Form. Prinzipiell schließt Adorno aber eher an Hegel als an Marx an und kehrt zu einem idealistischen Projekt von Kritik zurück. Der Trick der „Dialektik der Aufklärung“ besteht weitestgehend darin, dem entwicklungstheoretischen und geschichtsoptimistischen Hegelschen Telos des Guten (Emanzipation) den entgegengesetzten Telos des Bösen und Schlechten (Barbarei) beizustellen. Seine zusammen mit Max Horkheimer im Exil und im Angesicht des schrecklichen Terrors der Nazis entfaltete universalistische Kritik, zeigt eigentlich nur, dass ein an sich sinnvoller und insofern rationaler Begriff praktisch zugespitzt IMMER zwei Seiten seiner zweckmäßigen Auslegung hat, verständlich ausgedrückt, Licht nur vom Schatten aus, und der Schatten nur durchs Licht wahrhaft beschrieben werden kann. Der adorneske Geschichtspessimismus klingt hier schon an, allerdings wird er in einer Ambivalenz des Möglichen gehalten. Ganz anders dagegen ist Adornos Diktum gut 20 Jahre später in der „Negativen Dialektik“. Unter dem Eindruck der totalisierenden Tendenzen des Kapitalismus, also der Durchsetzung des an sich Falschen, Bösen und Schlechten – Adorno spart sich hier jede ökonomische Kritik und ist der Verkürzer par excellance, wenn er einfach behauptet: „Der Tauschzwang ist objektiv“ – dreht Marx einfach wieder um und beschneidet Hegel um seine positive Dimension der Negation der Negation, indem er nun den Zweck von Begriffen in Richtung ihrer Sinns völlig nivelliert. „Dialektik kein Standpunkt“, “ Entwürdigung der Theorie zur Ideologie“ etc. pp. Da die bezeichnenden Begriffe niemals das wirklich und darin vollständig bestimmen könnten, was sie bezeichnen, hätte sich jede Kritik einzig in bestimmter Negation zu bescheiden und müsse sich selbst jedem positiven Bezug verwehren. Das Geschäft dieser dekonstruktiven Kritik bestände nun einzig darin, ALLES für wahr und richtig Gehaltene als notwendig Falsches zu entlarven. Zugegeben, eine verführerische Position für Katheder-Intellektuelle im Zeitalter des omnipräsenten Kapitalismus mit seinen zerstörerischen Kräften. Aber wie sich besonders an den Epigonen Adornos zeigt, eine unhaltbare Position. ER rettet sich noch in einen emphatischen Wahrheitsbegriff, der das, was richtig ist, aus der bloß geistigen Erfahrung des Individuums schöpft, also aus einem bloß subjektiven Sinn, der für sich zwecklos bleibt. Und es gehört zur Kunst Adornos, diesen extrem subjektivistischen Standpunkt ästhetisch zu kaschieren und alles in allem sehr beweglich zu halten, aber im Grunde steckt dahinter nur die Affirmation des eigenen Für-Wahrhaltens. Und wie heutzutage mit dem Kritikbegriff Adornos Politik gemacht wird, zeigt recht deutlich, wie gefährlich die „Negative Dialektik“ eigentlich ist, wenn sie sich doch wieder unverhohlen auf einen zweckbesetzten Standpunkt bezieht: Kein Wahres ausser ihm wird anerkannt, jede Selbstkritik suspendiert und die negative Dialektik zum Dogmatismus persönlicher Meinung degradiert.
(6) Karl R. Popper (logizistische Kritik)
Um sich auf den Popperschen Kritik-Begriff einzulassen, muß mensch zumindest an die unumstößliche Wahrheit der klassischen Logik glauben. Folgt mensch dieser, so kann er/sie aus einer gegebenen hypothetischen Annahme/Perspektive/Theorie qua Deduktion quasi reine Beobachtungssätze gewinnen und diese mit gleichartigen einer anderen Annahme/Perspektive/Theorie per Negation vergleichen. Werden dadurch praktisch nur leere Mengen produziert, weil keine konkurrierende Annahme/Perspektive/Theorie diese negativen Mengen positiv beschreiben könnte, ist die zugrundegelegte hypothetische Annahme/Perspektive/Theorie sukzessive in Zweifel zu ziehen, also zumindest verdächtig, nur mit All-Aussagen zu operieren. Ohne weiter drauf einzugehen, bleibt dieses Kritikverständnis aber ziemlich naiv, da es sich nicht den Zweck, diese oder jene Annahme/Perspektive/Theorie auszuschließen, vor Augen führt. Schlechterdings hat man via Falsifikation nicht viel mehr erreicht, als zunehmend Zweifel an der angenommenen Annahme/Perspektive/Theorie zu hegen. Der Poppersche Begriff der Kritik ist deshalb nur von kurzer Blüte geblieben und heute weitestgehend obsolet.
(7) Foucault (direkte und freie Kritik)
Foucaults Kritikbegriff dagegen ist bis heute weitestgehend unerschlossen und schwierig zu fassen, da dessen eigenes Denken eher genetisch und von Brüchen gekennzeichnet, die Philosophiegeschichte erobert hat. In seiner frühen Phase vor 1968/69 ist er noch extrem strukturalistisch, antihegelianisch und von einer tiefen Skepsis gegen jeden subjektzentrierten Wahrheitsbegriff geprägt, insofern aber auch eher an Marxens Kritikverständnis als bspw. Adornos orientiert. Foucault will in dieser frühen Phase eine ganz andere Geschichte als die etablierte schreiben. Eine, die nicht auf die geistesgeschichtlichen Kontinuitäten sondern auf ihre Brüche, auf die inter- und nichtdiskursiven Einflüsse der Sinnbedeutung verwendeter Begriffe abzielt. Nach diesem Programm konstruiert er die klassischen Epochen übergreifende Rationalitätstypen (Episteme), die in absoluto bestimmen, was innerhalb ihrer als wahr&falsch bestimmbar ist. Die Willkür und Beliebigkeit solcher kategorischen Setzungen und daraus abgeleiteten, selektiven Inhalte wird ihm schon früh vorgeworfen, denn sie will weder absolut und universell wie die Hegelsche Geschichtsschreibung, noch positiv und pragmatisch wie die Marxens sein, sie hat einfach anstelle eines Adressaten eine Leerstelle. Den ersten Richtungwechsel vollzieht Foucault dann im Zuge der Pariser Unruhen. „Überwachen und Strafen“, also die Geschichte des (französischen) Strafvollzuges, steht dafür exemplarisch. Foucault stellt in dieser Zeit seine historisch kritischen Analysen völlig unter den Zweck eines aktuell diesen artikulierenden Subjekts. Also radikaler als Marx, konstruiert er nicht mehr ein mögliches Subjekt der Geschichte, sondern hält sich völlig an die Bedürfnisse der Gegenwart. Diese Zentrierung der Begriffe auf den aktuellen Zweck gerät nach 1976 mit den Worten seines Freundes Deleuze in eine „Sackgasse“, da mit dem jähen Ende der 68er Bewegung die historische Kritik ihren Ausgangspunkt vom gegenwärtig artikuliertem Bedürfnis verliert. 1978, in seinem Vortrag „Was ist Kritik?“, zeigt Foucault dann seinen letzten Richtungswechsel an. Er konstatiert jetzt in historischer Perspektive eine „Kunst des Regierens“, die sich ausgehend von der Pastoralmacht in der Neuzeit und Moderne zu einer Biomacht verfestigt, die nicht nur auf die Disziplinierung, sondern auch auf die Regulierung der kollektiv organisierten Individuen zielt. Bemerkenswert ist dabei, dass Foucault diese Regulierung als Kunst des Regierens vor allen Dingen als ein Verwalten von individuellen Freiräumen begreift. Deswegen spricht er von der Kritik als einer modernen Haltung, ‚nicht so und nicht dermaßen und um diesen Preis regiert zu werden‘. Er trennt letztlich, im Anschluß an Kant, Kritik und Politik ohne sie gegeneinander auszuspielen. Während Politik in der Form regulierender Rahmensetzung Normen aufstellt, obliegt es der Kritik als Kunst der Selbststilisierung, diesen Rahmen aus sich selbst heraus immer wieder infragezustellen und zu überschreiten. Geschichte ist bei ihm nun ein ewiger Kampf um die Macht zwischen Poltik und Kritik.
(8) Selbstkritik
Nach alledem ist es sicher nicht ganz einfach, die eigene Positionierung abzumessen. Ich denke jedoch, bei allen inhaltlichen Abstrichen, zumindest herausgestellt zu haben, dass die Formel Kritik=Adorno mehr als zu kurz greift. Denn Kritik ist gerade nicht der Modus, in dem mensch seinen eigenen Standpunkt gegenüber allen anderen als einzig richtigen affirmiert oder unmittelbar setzt. Kritik ist in meinen Augen auch nicht das Verfahren, einen anderen Standpunkt als total oder partiell falschen herauszustellen. Dafür scheint mir schlichtweg ein objektiver, d.h. jeder subjektiven Postionierung entzogener Maßstab (wie die klassische Logik sich dem Schein nach gibt) zu fehlen. Kritik ist m.E. viel mehr jene Beweglichkeit des eigenen Denkens, das SICH SELBST immer wieder der Möglichkeit aussetzt, falsch zu liegen, indem es sich theoretisch mit den historischen Bedingungen (Spekulation) und praktisch mit den Potenzen der eigenen Gegenwart (Experiment) auseinandersetzt. Und insofern gibt es eben keine Kritik ohne Politik, wie umgekehrt, der Geschichte sei dank, keine Politik ohne Kritik.
Abschließend: Die inhaltliche Auffächerung der einzelnen Kritikbegriffe dient letztlich der konkreteren Auseinandersetzung am Detail. Für die Diskussion ist also auch erwünscht, einzelne Darstellungen, die ich hier angerissen habe, zu präzisieren oder andersweitig zu argumentieren. Ich bin mir selbst bewußt, dass in der vorgetragenen Kürze einige Fehler und Mißverständnisse lauern und hoffe deshalb auf Eure Initiative, um das Bild der Frage: Was ist Kritik? besser abrunden zu können.
In diesem Sinne
lets get ready to rumble!!!
clov












